Hebammenpolitik 18.07.2011

Brief einer freiberuflichen Hebamme an eine freiberufliche Hebamme
Hallo liebe Hebammenkollegin,

in diesem Land bewegt sich irgendwie nichts,
wenn es nicht um Kommerz geht.

Meine Wohnung ist eigentlich kein Lagerhaus und ich kämpfe immernoch
mit der Verteilung der letzten “Berge” Wickelunterlagen,
die seit Monaten meinen Wohnungsflur blockieren.
Hast Du die Email “Einladung zu einer kostenlosen Verteilaktion mit 250 Gutscheinen von windel.XX” auch bekommen ? Die Tätigkeitsverlagerung zum Handelsvertreter allerlei Firmen wird regelmäßig an mich herangetragen, von Lebensversicherungen über Krankenversicherungen, Produktherstellern…
Ich bin Hebamme, eine in diesem Land vorsätzlich behinderte Hebamme, mit Alternativen, die nicht meinem Berufsethos, sondern dem Kommerz und der Kundenlenkung dienen sollen.

Es gibt übrigens in Kürze ein Beleghebammentreffen in Fulda,
weil es nach Meinung Deines Verbandes
“um die Beleghebammen nicht gut bestellt ist”.
Diese Aktion würde mich 70 Euro Eintrittsgeld plus Fahrkosten…kosten.

Der Auftritt des vortraghaltenden Versicherungs- Vertreters würde mich schon interessieren,
nur weiß ich nicht, was da an Insolvenzverhinderndem herauskommen soll,
wenn der Hebammenverband und diese Versicherung super effektive Deals miteinander haben
und sich seit 2009 der selfmade- Sachlage bewußt sind.

Ein geschlossener Boykott gegen die paar Versicherungen würde die Luft in Kürze klären.
Dann wären Neuverhandlungen angesagt und die Konsequenz würde sich auszahlen. Aber wer will das schon…

Die Datenerhebung der Bundesregierung ist ja nun beschlossene Sache
und soll im Dezember 2011 beendet sein.
Es geht nicht nur um die Einkommensverhältnisse,
sondern auch um recht persönliche Daten von 2008 bis 2011. Seltsamerweise ist der Erfassungs- und Bearbeitungszeitraum identisch mit der gesetzlich verankerten Beitrags- Rückforderungsfrist der DRV.
Den ( rechtsunkundigen) freien Hebammen ist nun zu wünschen,
dass ihre Daten nicht zentralisiert und von den maßgeblichen Vertragspartnern
herausgegeben werden, denn die Sozialunternehmen und Staatsämter
werden sich gegebenenfalls sehr wegen der
( per Gesetz festgeschrieben Zwangsmitgliedschaften ohne hebammenseitiges Kündigungsrecht)
einzufordernde Nachzahlungen freuen. Dann werden wir just noch weniger sein.

Im Gegensatz zu selbstständigen Unternehmern, welche sich nach § 7- 12 SGB VII freiwillig versichern können, aber nicht müssen, haben freie Hebammen grundsätzlich keine Wahlmöglichkeiten und sind per Gesetz Zwangsmitglieder.
Selbst wenn sie zur Kleiderkammer gehen und von Lebensmittelspenden und privaten Darlehen existieren, fordert die BGW und die Krankenkasse vom geringfügigsten Einkommen ihren festgesetzten Anteil… mit der Gegenleistung einer Versicherungsillusion. Und es ist von amtswegen vollkommen unerheblich, ob Du den Krankenkassen-oder Unfallversicherungs- Service jemals nutzen möchtest oder nicht. Du wirst nicht um Deine Meinung gefragt, aber wenn es sein muss, bis April 2007 nach Gesundheitsreformgesetz rückwirkend gepfändet.
Nix da- Existenzminimum.

Mittlerweile bin ich es leid, mich als “Hebamme ohne Geburtshilfe” zu outen.
Das ist doch Blödsinn. Die normale Versicherungsprämie für die Hebammentätigkeit ist mir unbezahlbar. Und wenn ich schon ohne Geburtshilfe arbeiten muss… eine Heilpraktikerversicherung tut es auch und kostet 100 Euro im Jahr.
Weil ich als Hebamme gar nicht derart medizinisch arbeiten darf und viel weniger Tätigkeiten zu versichern habe als ein Arzt ohne Bestallung ( Heilpraktiker ), wäre ich mit diesen 100 Euro sogar überversichert.

Auch die Berufsbezeichnung ” freie Familienhebamme ” ist vollkommen irreführend.
Diese Hebammen können nach drei Jahren Ihre Niederlassungserlaubnis
entzogen bekommen, wenn sie weniger 10 Geburten pro Jahr betreut haben. Und was sind sie dann ? Sozialarbeiter, die in der Regel bei der Stadtverwaltung/ Jugendamt oder angegliederte Subunternehmen unter Vertrag stehen und deren Hilfevereinbarungs- Verträgen Folge zu leisten haben, um ihr Honorar erhalten zu dürfen. Die Arbeit von freiberuflichen und niedergelassenen Hebammen stelle ich mir, ehrlich gesagt, etwas anders vor.

Der e.V. bei dem ich gearbeitet habe, entsprang einer Stiftung, und dies ist ein Outsourcing- Unternehmen des Jugendamtes. Die Zahlungsmoral ist so, wie anderswo auch. Die Rechnung habe ich vor zwei Monaten per Post und Fax verschickt und anschliessend zweimal per Email daran erinnert. Vorgestern bekam ich endlich eine Antwort, aber mein Konto gähnt vor Leere. Auf die vorletzte Zahlung habe ich auch so lange gewartet und die Rechnung dreimal eingereicht. Ein Ping- Pong- Spiel, leider spielen die Sozialverbände, zu denen auch die DRV und BGW zählen, das Spiel etwas anders mit Säumniszuschlägen, Mahn- Kosten und Gebühren, Zinsen…

Meinst Du, dieses Outsourcing- Unternehmen würde eine Prüfung zwecks Hebammenfreundlichkeit bestehen ? Wie kann ein eingetragener Verein freie Hebammen in Ihrem Arbeitspensum per Vertrag ( max. 19 h/ Woche) beschneiden,
als Honorarkräfte für ihre ( in Auftrag genommenen ) Zielsetzungen anstellen und
dann die Abrechnung der Sozialarbeit ( bis 2 Wochen nach Geburt) bei der GKV verlangen. Tatsache ist, dass die Regierung die Kinderschutzpräventions- Programme in Ganz- Deutschland massiv fördert. Der Präventionsgedanke inklusive Datensammlung ist eindeutig wichtiger als die kleinen Rechtsverletzungen, die ohnehin auf den Rücken der Hebammen ausgetragen werden und somit das entstehende Präventionsgefüge nicht gefährden.

Ich würde sagen, das ist diskussionswürdig, weil die Hebammen eine Vertragsbindung mit der GKV für festdefinierte Leistungen haben.
Die vom Jugendamt an die Subunternehmen delegierten Sozial- Arbeiten, wie z. B. die Begleitung zum Jobcenter, vorgegebene Hausbesuchsprotokolle ausfüllen und Basisberatungen leisten, sind im Hebammen- Gebührenkatalog der GKV nicht vorgesehen und vom Jugendamt als zahlende Stelle in vollem Umfang zu tragen, weil freie Hebammen, oder besser gesagt…die Honorarkräfte mit Hebammenexamen,  bei GKV- Abrechnung dieser Arbeiten einen Vertragsbruch begehen würden und dafür rückwirkend haftbar gemacht werden könnten.

Und die Initiatoren und Organisatoren haben ihren Vorteil…
preisgünstige Arbeitskräfte, Steuervergünstigungen, Fördergelder…
Leider sind viele freie Hebammen mit dem Existenzkampf bzw.
ihrer Arbeit derart beschäftigt, dass sie zum regelmäßigen Gesetzelesen und widersprechen
zu wenig Zeit und Lust finden. Hoffentlich rächt sich das nicht eines Tages.

Ich hoffe, Du hast in den Ferien nicht allzuviel Arbeit.
Wenn Du mal Zeit hast, lass uns auf einen Kaffee zusammensitzen
und reden bei schön Wetter… über den nächsten Urlaub.