Hebammenpolitik 07.03.2011

Die neuen QM- Standards sind beeindruckend, nicht nur für Hebammen, auch für werdende Eltern. Das erdachte Beratungsprotoll zur Geburtsaufklärung, oder besser gesagt zur Geburts- Gefahrenaufklärung ist sehr umfangreich. Ich habe drei Jahre gebraucht, um den geforderten Inhalt zu verstehen und soll ihn nun den Vorschriften entsprechend den werdenden Eltern im Intensivkursus, welches als individuelles Geburtsgespräch mit Zeitlimit in der Gebührenverordnung findbar ist, vermitteln. Ein erheblich überforderndes Vorhaben. Wieviele Eltern werden den Inhalt nachvollziehen können ?

Selbst wenn ich die Information absolut in Neudeutsch, ohne lateinische Fachausdrücke übermittle, dürfte es bei der Datenmenge im vorgegebenen Zeitrahmen Schwierigkeiten geben. Wenn ich einer Junghebamme erlebte

Geburtsschwierigkeiten nebst Ursachen und Folgen erkläre, hat sie trotz dreijähriger Vorbildung mitunter Mühe, sich das Problem in Natura und Realität vorzustellen. Welche Reaktion werde ich wohl erhalten, wenn ich den ohnehin sensiblen Schwangeren von möglichen vorzeitigen Plazentalösungen, Nabelschnurvorfällen, vaginalen Blutungen und Schulterdystokien zu berichten habe. Die momentan häufig zu beobachtende Reaktion ist die Flucht in die geplante Sectio, wo vermeindlich weniger Risiken lauern und alles nicht so schlimm ist. Ist dieses Vorgehen Kalkül von den auftraggebenden Stellen ? Welche Lobby verdient an solchen Vorgaben ?

 

Mittlerweile wird es zunehmend schwieriger, einen Bauch zu finden, der noch nicht von einem Scalpel berührt wurde. Haben Sie zufällig einen neu erstellten Berufshaftpflicht- Versicherungsvertrag vom März 2011 vorliegen. Es könnte sein, dass Sie darin seltsam veränderte Passagen vorfinden, die es zuvor noch nicht gab,in etwa so: “Außerklinisch gebären dürfen nur noch Frauen, die jünger sind als 35, niemals eine Ausschabung hatten, Idealgewicht und Normblutdruck und nicht mehr als zehn Tage über Termin sind und denen man in dieser oder in der vorherigen Schwangerschaft keinerlei Unpässlichkeit nachweisen konnte.”

In manchen Krankenhäusern ist die 50 % Marke der Kaiserschnitte bei weitem überschritten, Nachkürretagen sind heutzutage- aus Sicherheitsgründen durchgeführt, nicht selten. Handeln gebärende Frauen illegal, wenn sie sich eigenverantwortlich für eine ausserklinische Geburt entscheiden und diesen Ausschlusskatalog nicht kennen oder handeln Hebammen krimminell, wenn sie die Frauen nicht über diesen Ausschlusskatalog in Kenntnis setzen? Vermutlich beides. Nicht nur, dass der Staat den Hebammen die gesamte Sozialabgabenlast ohne Rücksicht auf Verluste aufbürdet und den Versicherungen freies Spiel lässt. Jetzt wird den Hebammen konsequent ihre Klientel streitig gemacht. Heutzutage werden Hausgeburtsmütter, beispielsweise zur Nahtversorgung, in Krankenhäusern etwas anders empfangen als “Normalpatienten” und der Umgangston lässt mancherorts sehr zu wünschen übrig. Vielen begleitenden Hausgeburtshebammen ergeht es nicht besser, ganz im Gegenteil.

Die Sachlichkeit, auch Menschen- Freundlichkeit und der Respekt vor der Geburtsarbeit scheint den Geburtsmedizinern abhanden zu kommen, wenn das Resultat nicht in ihren Geburtsstatistiken auftaucht und eine lukrative Rechnungserstellung ausbleibt. Sie bezeichnen den Vorgang als unverantwortlich und informieren weitere Behörden zur ausserklinischen Kontrolle des unerhörten Vorganges.

Wieviele und welche QM- Standards brauchen wir zur Sicherung der Frauengesundheit und des Kindswohls ? Und wieviel klaren Menschenverstand, realistischen Blick und Emphatie sollte ein Mediziner aufbringen, um nicht als angstbesetzt oder schizophren zu wirken ?