Hebammenpolitik 02.04.2012

Entgegnung zu irreführenden Behauptungen über Kaiserschnitt-Statistikrose cactus
Offener Brief zur dpa-Presseerklärung vom 20.3.12.
Herrn Prof. Dr. Ulrich Gembruch
Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Sehr geehrter Herr Prof. Gembruch,
am 20.3.2012 werden Sie in einer dpa-Pressemeldung zu den Kaiserschnittzahlen des Jahres
2010 mehrfach zitiert. Wir lesen Behauptungen zu den Ursachen der erneut angestiegenen
Prozentzahlen. Sie erklären, dass vor allem das gestiegene Alter und vermehrte Risiken bei
Schwangeren für diese Entwicklung verantwortlich zu machen seien. Auch wird für den geplanten
Kaiserschnitt geworben und der Eingriff damit verharmlost. Dem widersprechen wir
entschieden.
· Sie werden zitiert mit der Aussage: „Saugglocken und Zangen sind für Kinder immer
am traumatischsten“. Wir sagen: Unausgesprochen bleibt, dass auch der Kaiserschnitt
(KS) für ein Kind traumatisch ist und darum nur im Notfall verantwortbar ist. Jede
Verharmlosung dieser Operation bedeutet eine Irreführung werdender Eltern.
· Zu Ihrer Aussage: Je älter die Frauen, desto häufiger zählen sie zu den Risikoschwangeren…
fragen wir: Wie erklären Sie sich, dass in Sachsen seit 20 Jahren weniger geschnitten
wird, aktuell 13,7 % weniger als im Saarland? Sind saarländische Frauen
nachweisbar „älter und kränker“? Trifft das auch auf Privatpatientinnen zu, bei denen
durchschnittlich mehr Kaiserschnitte erfolgen als bei gesetzlich Versicherten, jedenfalls
in der Schweiz?
· Sie erwähnen, dass der häufigste Grund für einen KS der sei, dass bereits bei der vorangehenden
Schwangerschaft ein KS gemacht worden war.
Wir schließen daraus, dass bei Erstgebärenden, die zudem statistisch jünger(!) sind als
der Durchschnitt, nicht alles getan wird, um ihnen die Ängste vor der Geburt zu nehmen.
Insbesondere ist zu beanstanden, dass bei Erstgebärenden häufig viel zu früh
„Wehenschwäche“ diagnostiziert wird. Die Tatsache, dass beim ersten Kind die hormonelle
natürliche Wehenentwicklung manche Stunde mehr braucht als bei nachfolgenden
Kindern, kann jede Frau bestätigen, die ihre Kinder in Ruhe bekommen konnte.
Die Störung der hormonellen Balance zwischen Mutter und Kind durch Wehenmittel
ist ein zu hinterfragender medizinischer Eingriff, der vielen Kaiserschnittoperationen
vorangeht.
· Mit der Behauptung, Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen gäbe es fast nur
bei ungeplanten Kaiserschnitten, plädieren Sie indirekt für den geplanten KS.
Dieser wird häufig schon ab der 38. Woche plus mindestens ein Tag und damit an der
Grenze zur Frühgeburt angesetzt. Die menschliche Tragezeit beträgt jedoch 42 Wochen
+/- 14 Tage. Die Kinder werden also routinemäßig daran gehindert, in Ruhe ausreifen
zu können. Bis zu sieben Wochen weniger verbringen sie in ihrem ersten Zuhause,
dem Bauch ihrer Mütter. Sie werden unvorbereitet herausgeschnitten, für viele
ein Schock, wie ärztliche Kollegen ehrlicherweise feststellen. Folgeprobleme bei der
Atmung (Bronchialerkrankungen, s. Dänische Studie an 35 000 Kindern!), bei der Entwicklung
gesunder Motorik, beim Ein- und Durchschlafen, postpartale Depressionen
als Massenreaktion bei Müttern, Bindungsprobleme und Stillschwierigkeiten spielen
bei dieser Betrachtung keine Rolle. Das alles ahnen werdende Mütter nicht, wenn ihnen
zum geplanten Kaiserschnitt geraten wird.
· Der „Riesenvorteil“ liegt nach Ihrer Einschätzung darin, dass viele Kinder überleben,
die sonst tot wären. Sie prognostizieren weiterhin, wenn man die Kaiserschnittrate
drücken würde, „hätte man mit Sicherheit höhere Morbidität und Mortalität“.
Diese in den Raum gestellte Prognose ist eine unbewiesene und unbeweisbare Behauptung.
Mit solch einer Aussage und Haltung schüren Sie nicht nur Ängste bei werdenden
Eltern, sondern auch beim geburtshilflich tätigen Personal in den Kliniken.
Vertreter der Gynäkologie, die heutiges Wissen über Ursachen und Folgen unnötiger KSOperationen
ignorieren und mit nicht belegbaren Behauptungen die Ursachen steigender KSZahlen
auf schwangere Frauen abwälzen wollen, zeigen, dass die Geburtsmedizin sich in eine
folgenschwere Sackgasse hineinmanövriert hat. Sie ist fixiert auf Technik- und Medikamenteneinsatz,
um zu „verbessern“, was bei 90 % der Geburten nicht erforderlich ist. Schutz und
Geduld, Achtsamkeit und Intimität für gebärende Frauen, ihre Partner und die Kinder bleiben
dabei auf der Strecke.
Wir wissen durch weltweit dokumentierte Geburten, dass Frauen früher wie heute Kinder
natürlich gebären können, wenn sie in Ruhe gelassen werden und sich die Geburt als natürlicher
Prozess entwickeln kann. Wie gut die Werte für z. B. außerklinische Geburten in
Deutschland sind, zeigt die jüngste GKV-Vergleichsstudie an 90 000 Kindern. Aus den Ergebnissen
dieser bedeutenden Untersuchung sollte die Geburtsmedizin für die Kliniken Konsequenzen
ziehen.
Irene Behrmann Dr. Marianne Krüll
Erziehungswissenschaftlerin Sozialwissenschaftlerin
Vorsitzende GreenBirth e.V Wissenschaftlicher Beirat GreenBirth e.V.
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Quellen:
GKV-Pilotstudie
http://www.gkv-spitzenverband.de/upload/Nov-2011_Pilotprojekt_Vergleich__klinau%
C3%9Ferklin_Geburten_GKV-SV_18221.pdf
Dänische Studie